Natur- und Tierpark Goldau


 

   

Februar – Juni 2007:  Am 28. Februar arbeitet sich im Natur- und Tierpark Goldau ein Bartgeier-Kücken aus seinem Ei. Es ist ein Geschwister von Folio und Temperatio und heisst Blick. Die beiden Elterntiere, die Bartgeier Mascha und Hans (Bild) ziehen das lebhafte Kücken erfolgreich auf.

Am 9. Juni ist ein grosser und für den jungen Bartgeier Blick auch ein schwieriger Tag. Frühmorgens fangen die Tierpfleger den inzwischen 101 Tage alten Jungvogel aus dem Gehege und transportieren ihn in den Schweizerischen Nationalpark. Hier in der Val Stabelchod unter einem kleinen Felsband (Bild) wird Blick zusammen mit dem Bartgeier Samuel ausgewildert. Hunderte von Naturfreunden wohnen diesem Spektakel bei (Bild).
 

   


 


   

Mit einem kleinen Satellitensender werden wir versuchen, die Streifzüge von Blick mitzuverfolgen. Bis es soweit ist, muss sich Blick aber noch in der Kunst des Fliegens üben (Bild durchs Fernrohr). Sobald wir die ersten Ausflüge beobachtet haben, werden wir hier darüber berichten.

Blicks erste Reise finden Sie auch auf GoogleEarth >>>

   


 


 

   

Juni – Juli 2007: Die ersten Wochen in freier Wildbahn meistert Blick bravourös. Von Beginn weg erkundet das junge Bartgeiermännchen neugierig seine neue Umgebung, frisst eifrig vom ausgelegten Futter und trainiert mit kräftigen Flügelschlägen seine Flugmuskulatur; noch ohne dabei abzuheben (Blick durchs Fernrohr).

Am Abend vom 21. Juni sitzen Blick und Samuel vor ihrer Horstnische und lassen sich von der Abendsonne nochmals aufwärmen. Nach einem Tag mit vielen fliegerischen Trockenübungen scheint langsam Ruhe einzukehren. Doch um 19:20 schallt plötzlich der laute Warnpfiff eines Murmeltiers durch die Val Stabelchod! Und tatsächlich – Blick will es wissen. Zum ersten Mal schwebt Blick durch die Luft! Mit seinem Alter von nur 113 Tagen zwar noch etwas wackelig, aber mit einer Spannweite von rund 2 Meter 80 dennoch nicht nur für Murmeltiere äusserst beeindruckend (Bild). Dem jungen Bartgeierbeobachter und Amateurfilmer Lucas Pitch gelingt es, einen der ersten Flüge und eine noch eher harte Landung filmisch festhalten (Film 3 Mb).
 

   


 



 

   

Nun beginnt für Blick eine spannende Zeit. Das Überwachungsteam kann die sich schnell entwickelnde Flugkünste von Blick aus nächster Nähe beobachten. Eine erste grosse Herausforderung beobachten wir am 8. Juli. Ein ausgewachsener Bartgeier besucht die Val Stabelchod (Bild). Und als Blick losfliegt, wird er von seinem lebens-erfahrenen Artgenossen überrumpelt. Mit wilden Ausweichmanövern muss er mehreren Attacken des ruppigen Besuchers ausweichen. Und dies gelingt im meisterhaft (Bild).
 

   


 


   

Der Satellitensender wird von Blick bestens akzeptiert. Wie die ersten Daten zeigen, hat Blick Ende Juli bereits je einen kleinen Abstecher Richtung Münstertal und Richtung Zernez gemacht (animierte Karte). Bald wird Blick seine «Kinderstube» verlassen und mit seinen Streifzügen über die Alpenkette beginnen.


   

 


 

   

August – September 2007: Blick (Bild) zieht in die Welt. Am ersten August fliegt er rund 40 Kilometer vom Auswilderungsort im Schweizerischen Nationalpark zum Auswilderungsort im Nationalpark Stilfserjoch (Bild), wo im letzten Jahr die drei Bartgeier Temperatio, Zufall und Voltoi ausgewildert wurden (s. Übersicht).

Am 4. August um 12 Uhr wird Blick 30 Kilometer nordwestlich des Schweizerischen Nationalparks beim Piz Buin geortet. Der Sender funktioniert bestens, so dass wir oft an einem Tag mehrere Lokalisationen bekommen. Deshalb wissen wir, dass Blick bereits vier Stunden später beim Reschenpass im Südtirol angekommen ist. Nach einer Woche im Südtirol zieht der Jungvogel für ein paar Tage nach Zernez und am 15. August zum Aroser Rothorn. Hier sieht der Wildhüter Ricardo Engler am 18. August wie Blick einen Schafkadaver überfliegt und kann ein wunderbares Foto machen (Bild).
 

   


 



 

   

Ein Tag nach einem kurzen Besuch im Safiental wird Blick am 26. August um 12 Uhr beim Pizol oberhalb Bad Ragaz geortet. In nur vier Stunden fliegt Blick dann rund 65 Kilometer nach Zernez und streift in der Folge länger in der weiteren Umgebung des Engadins umher. Mitte September geht es wieder ins Martelltal und dann in die Region der Ötztaler Alpen. Die letzten Lokalisationen vom September stammen aus der Region rund um den Ofenpass (animierte Karte). Die ersten Streifzüge von Blick sind beeindruckend und wir dürfen gespannt sein, wohin ihn seine weiteren Reisen bringen.

   


 
   


 

   

Oktober – November 2007: Blick treibt sich gerne weit herum. Rund 4000 Quadratkilometer misst das Gebiet, in dem Blick von Oktober bis November seine Kreise zieht (s. animierte Karte). Alles scheint bestens, bis wir am Abend des 24. Novembers einen Datensatz empfangen, der uns Sorge bereitet! Die Lokalisationen der letzten zwei Tage stammen vom genau gleich Ort im Unterengadin nahe der Ortschaft Tschlin. Am nächsten Tag machen wir uns deshalb sofort auf und kontrollieren, ob Blick etwas passiert ist. Die Spannung ist gross, als wir in Tschlin die ersten Signale von Blick empfangen. Dank des Senders gelingt es uns, Blick innert einer Stunde zu finden und wir stellen zu unserer Erleichterung fest, dass Blick lebt!
 

   


 



 

   

Erstaunlicherweise sitzt er mitten im Wald (s. Bild und animiertes Foto). Dieses ungewöhnliche Verhalten könnte anzeigen, dass er verletzt oder krank ist. Deshalb entscheiden wir uns einen Rückfang zu versuchen. Wir warten die  Nacht ab und pirschen uns dann Schritt für Schritt an. Blick ist aufmerksam und bemerkt uns. Doch Franz Gamper gelingt es gerade noch rechtzeitig Blick zu packen (Bild).
 

   


 


 
   

Am nächsten Tag ist Blick bereits zur Untersuchung bei Frau Dr. Curd in der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere der Universität Zürich. Er wird auf Herz und Nieren geprüft (Bild). Blick scheint weder an einer Verletzung, noch an einer Erkrankung oder Vergiftung zu leiden. Jedoch hat er deutlich an Gewicht verloren. Wahrscheinlich ist ein Grossteil der Nahrung wegen des frühen Wintereinbruchs zugeschneit und neue Nahrung wird erst im Verlauf des Winters anfallen, wenn Huftiere durch Lawinen und Nahrungsknappheit verenden. Deshalb wird Blick am 30. November zurück in den Natur- und Tierpark Goldau transferiert (Bild). Hier, wo er am 28. Februar geschlüpft ist, kann er sich nun wieder gute Reserven anfressen. Wir freuen uns schon jetzt darauf Blick, wenn er wieder fit ist und sich die Nahrungssituation in den Bergen verbessert hat, erneut seine eigenen Wege ziehen lassen.  

   
   



 

   

Dezember 2007 – April 2008: Nach einem langen Winter hat nun für die Bartgeier das grosse Fressen begonnen. Mit der Schneeschmelze (Bild) werden viele Tiere, die im Winter verendet sind, verfügbar. So finden auch die alten Bartgeier genug Futter für ihre hungrigen Küken. Diese müssen jetzt schnell wachsen, damit sie im Sommer rechtzeitig ausfliegen und selber auf Futtersuche gehen können.

 

   


 


   

Auch für Blick (Bild) sind die Bedingungen ideal für seinen zweiten Start in die «freie Wildbahn». In seiner grossen Volière im Tierpark Goldau (Bild) hat der Jungvogel gut überwintert. Der letzte Gesundheitscheck (Film von Lucas Pitsch, 5 MB) zeigt, dass Blick in bester Verfassung ist. Somit ist er bereit, bei nächster Gelegenheit wieder in den Bündner Alpen loszufliegen (Bild). Wir werden hier in Kürze berichten, wie Blicks zweite Auswilderung verlaufen ist.

   


 



 

   

Mai 2008: Der 13. Mai ist für Blick ein aufregender Tag. Über den Winter konnte er sich im Tierpark Goldau gute Reserven anfuttern. Nun ist das junge Männchen startklar für weitere Streifzüge durch die frühlingshaften Bergtäler. Morgens um 9:30 Uhr treffen wir uns von der Stiftung Pro Bartgeier am Ofenpass (Bild), um gemeinsam dieses Spektakel erleben zu können. Vor dem grossen Moment bekommt Blick einen neuen Sender (Bild).
 

   


 



 

   

Dann um 10:05 Uhr ist es endlich soweit. Chasper Buchli, der Geschäftsführer der Stiftung, lässt Blick ins Freie. Sofort breitet dieser seine riesigen Schwingen aus (Bild) und sticht mit kräftigen Schlägen in die neugewonnene Freiheit (Bild). Bevor Blick endgültig loszieht, setzt er sich nochmals auf eine Felsnase, startet wieder (Bild) und beglückt uns mit einigen Ehrenrunden, die er direkt über unseren Köpfen dreht (Bild). Nun hoffen wir, bald schon wieder Daten von Blick zu erhalten und zu erfahren, wo er sich in den nächsten Wochen herumtreiben wird.

   


 


   

 

   

 



 

   

Juni 2008: Die erneute Auswilderung von Blick ist bestens geglückt (s. Mai 2008). Die ersten Tage bleibt Blick noch im Gebiet des Ofenpasses (Bild). Dann aber beginnt er wieder in alter Manier grossräumig umherzustreifen: Zwei Wochen nach der Auswilderung zieht er bereits nahe an Chur vorbei und besucht das Prättigau. Ende Mai geht’s ins Südtirol, wo Blick (Bild) nahe des Freilassungsortes vom Nationalpark Stilfserjoch lokalisiert wird. Im Juni folgt dann eine Stippvisite in die Ötztaleralpen.
 

   


 



 

   

Dann folgt in wenigen Tagen ein ausgedehnter Streifzug in den Schweizerischen Nationalpark (21. Juni), ins Tirol (22. Juni, 12 Uhr), ins Prättigau  (22. Juni, 14 Uhr), ins Glarnerland   (22. Juni, 18 Uhr) und schliesslich ins Urnerland  (23. Juni, 14 Uhr). Hier beim Urirotstock fliegt er nur 20 Kilometer südlich an seinem Geburtsort, dem Natur- und Tierpark Goldau vorbei (Karte). Nach diesem bisher weitesten Rundflug kehrt Blick ins Engadin und anschliessend ins Südtirol zurück (s. animierte Karte). Ob Blick in den nächsten Monaten wieder so weit herum zieht? Wir werden es wohl bald erfahren.
 

   


 



 

   

Juli – Oktober 2008: Gleich vorneweg – Bartgeier Blick (Bild) ist immer wieder für eine Überraschung gut. Aber alles der Reihe nach: Blick ist den Sommer über meist im Dreiländereck Italien-Österreich-Schweiz unterwegs. Besonders erwähnenswert sind ein Abstecher in die Lechtaler Alpen (Mitte Juli), ein Besuch seiner Kinderstube bei der Auswilderungsnische im Schweizerischen Nationalpark (Ende Juli) und seine Stippvisiten bei verschiedenen wildbrütenden Bartgeiern (August). Im September wechselt Blick vor allem zwischen den Bergen rund um Braulio und den Ötztaler Alpen, im Oktober zwischen dem Unterengadin, dem Südtirol und den Ötztaleralpen hin und her. Hier eine Übersicht zu Blicks weitschweifenden Streifzügen: animierte Karte.
 

   


 



 

   

Ein besonderes Spektakel bietet sich Herrn und Frau Fleischer aus Berlin. Am 26. September um die Mittagszeit sind sie nahe bei Vent in den Ötztaler Alpen unterwegs. Plötzlich segelt ein Riesenvogel direkt auf sie zu und zieht mit nur vier Metern Abstand auf Augenhöhe an Frau Fleischer vorbei. Herr Fleischer reagiert schnell, und es gelingen ihm ein paar sehr gute Fotos (Bild links und Bild rechts). Die Anordnung der gebleichten Federn verrät dem überraschten Ehepaar, dass es sich um Blick handeln muss. Die Beobachtung wird auch von den Satellitendaten bestätigt. Nur eine Stunde nach dieser direkten Beobachtung wird Blick vier Kilometer südwestlich von Vent lokalisiert.
 

   


 



 

   

November – Dezember 2008: Wieder können wir die Reisen von Blick (Bild) detailliert nachzeichnen. Bis Mitte November streift Blick vor allem im Naturpark Texelgruppe umher. Dann folgt ein kurzer Abstecher ins Unterengadin (Bild), bevor Blick Ende November Richtung Innsbruck weiterzieht. Dort, im Grenzgebiet der Bezirke Imst und Innsbruck, bleibt Blick einige Tage, bis er Mitte Dezember ins Südtirol zurückkehrt (animierte Karte).
 

   


   



 

   

Blick bleibt auf seinen Touren nicht unentdeckt. Am 9. Dezember ist Bruno Raich in der Nähe der Zirmbachalm rund 25 Kilometer östlich von Insbruck unterwegs. Um die Mittagszeit fliegt ein Bartgeier in einer Distanz von nur 20 Meter über ihn hinweg. Bevor der Vogel ganz abzieht, gelingt Herrn Raich ein Foto, auf dem die Markierungen von Blick klar zu sehen sind (Bild). Alles deutet darauf hin, dass Blick dieses Mal mit dem Winter besser zurecht kommt als in seinem ersten Lebensjahr. Wir sind gespannt, wie es weiter geht.
 

   


 



 

   

Januar – Februar 2009: Einmal mehr sorgt Blick für eine aussergewöhnliche Geschichte! Diesmal sogar vor laufender Kamera. Beginnen wir im Januar: Zum Jahreswechsel weilt Blick im Südtirol und macht sich anschliessend auf den Weg Richtung Innsbruck, zieht den Lechtaler Alpen entlang und gelangt anfangs Februar nach Vorarlberg. Hier, nahe des Bregenzerwaldes, kommt es am 2. Februar zu einer ganz besonderen Begegnung: Markus Grabher ist mit seinen Kollegen auf einer Skitour. Das Wetter ist rau und ein Föhnsturm zieht über die Gebirgsketten. Als die Tourenfahrer am frühen Nachmittag den Ruchwannekopf erklommen haben, erblicken sie in einem Bergsattel unter sich plötzlich einen kreisenden Bartgeier. Nach wenigen Minuten gewinnt das Tier an Höhe (Bild), nähert sich neugierig der Vierergruppe und beginnt, in einer Distanz von nur 10 bis 20 Metern über dem Gipfel zu kreisen (Bild).
 

   


   



 

   

Dank der guten Fotos von Markus Grabher sind die Federmarkierungen und sogar die Fussringe (rechts: pink, links: golden) klar erkennbar. Damit ist Blick eindeutig zu identifizieren (Bild). Vom Föhnsturm unbeeindruckt lässt er sich mit angezogenen Flügeln während 10 Minuten ruhig und ohne Flügelschlag über dem Ruchwannekopf treiben, bis er schliesslich im Sturzflug nach Süden  abzieht. Für uns ganz besonders erfreulich: Markus Grabher gelingen auch eindrückliche Filmaufnahmen, die er uns auf YouTube zur Verfügung stellt (s. Film). Ebenfalls zu erwähnen ist Blicks erster Ausflug nach Deutschland: Am 6. Februar zieht der Jungvogel im Gebiet des südlichen Oberallgäus umher. Die letzten Lokalisation treffen dann wieder aus dem Vorarlberg ein (s. animierte Karte).
 

   


 



 

   

März - Juni 2009: Was ist mit Blick? Bis Mitte Mai bekommen wir regelmässig Daten von Blicks Sender. Sie verraten, dass der Bartgeier lange im Engadin und in dessen näherer Umgebung unterwegs ist. Besonders häufig sucht Blick auch den Schweizerischen Nationalpark auf. Ende Mai warten wir dann vergeblich auf neue Signale. Als anfangs Juni noch immer keine Daten eintreffen, vermuten wir, dass sich die Sollbruchstelle gelöst hat und Blick (Bild) nun ohne Sender unterwegs ist. Um dies zu verifizieren, suchen wir mit Hilfe eines Feldempfängers die Gebiete ab, von wo wir die letzten Signale erhalten haben. Leider gelingt es uns aber nicht, etwas über den Verbleib von Blick oder von seinem Sender zu erfahren.
 

   


   

 

   

Dann – nachdem wir nicht mehr damit gerechnet haben – eine schöne Überraschung: Anfangs Juli treffen alle Daten der vergangen Wochen ein. Offenbar war Blick lange in Gebieten mit schlechtem Empfang unterwegs, so dass erst jetzt eine Datenübermittlung gelungen ist. Auf der animierten Karte ist zu sehen, wo sich Blick in den vergangenen Wochen aufgehalten hat (Karte). Nun hoffen wir, dass die Sollbruchstelle noch eine Weile hält und wir Blicks Streifzüge weiter mitverfolgen können.